Neuapostolische Kirche
Westdeutschland
Neukirchen-Vluyn/Dortmund. Mit dem Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ eröffnete die Gemeinde Neukirchen-Vluyn am Sonntag, 27. August 2017 eine Feierstunde, in der ihre neue Pfeifenorgel einem interessierten Publikum vorgestellt wurde. Gut 100 Neukirchen-Vluyner Gemeindemitglieder sowie einige Orgelfreunde aus der Nachbarschaft hatten sich dazu in dem im Oktober 2016 geweihten Gotteshaus eingefunden.
Wegen eines bei der Inbetriebnahme des Instrumentes unerwartet aufgetretenen Fehlers in der hochkomplexen Steuerung des Spieltisches konnte die Orgel seinerzeit im Weihegottesdienst noch nicht erklingen. Die offizielle Abnahme des Instrumentes durch den Orgelsachverständigen der Neuapostolischen Kirche Nordrhein-Westfalen, Wolf-Rüdiger Spieler folgte dann nach mehr als fünfmonatiger Verzögerung im März 2017 (wir berichteten).
Ein feste Burg ist unser Gott
Jetzt, im August 2017, konnte das Instrument detailliert vorgestellt werden. Apostel Hoyer, zuständig für den Arbeitsbereich NRW-West und somit auch für den Bezirk Niederrhein beglückwünschte in seiner Begrüßungsrede die Gemeinde zu ihrem neuen Instrument. „Soeben habe ich zum ersten Mal diese eure neue Orgel gehört. Ich bin begeistert von dem raumfüllenden Klang dieses Instruments“, äußerte er sich nach dem gemeinsam gesungenen Eröffnungschoral.
Das bekannte Kirchenlied „Ein fest Burg ist unser Gott“ hätte er aus zwei Gründen ausgewählt. Zum einen habe er mit diesem Lied einen Akzent zum Lutherjahr 2017 setzen wollen, zum andern aber auch einen der typischen Orgelchoräle erklingen lassen wollen, so begründete Apostel Hoyer seine Liedauswahl. Wolf-Rüdiger Spieler präsentierte während des Gesangs mit seinen begleitenden Improvisationen die Klangfülle und -vielfalt des Instruments.
Dank der Bezirksleitung
Bezirksältester Tobias Branz, Leiter des Kirchenbezirks Niederrhein, bedankte sich in einer kurzen Ansprache bei allen, die mit der Realisierung des Orgelprojekts beschäftigt waren. Er nannte stellvertretend die Kirchenleitung und die Orgelbaufirma Willi Peter aus Köln. „Nicht zuletzt gilt der Dank auch all denen, die mit ihren Spenden- und Opfergeldern den Orgelbau in Neukirchen-Vluyn ermöglicht haben“, so Tobias Branz.
Bevor Wolf-Rüdiger Spieler die Registervielfalt und die klangliche Ausrichtung der Orgel erläuterte, lieferte er den Zuhörern einige Einblicke in die Geschichte des Orgelbaus insgesamt und in die Entwicklung der Auswahl der Instrumente in neuapostolischen Kirchen. Orgeln, schon in der Antike bekannt, seien nicht ursprünglich kirchliche Instrumente gewesen, so der Fachmann, hätten aber im Laufe des Mittelalters vermehrt in Domen und Kathedralen ihren Platz gefunden. Die Geschichte der Reformation und Luthers Erfindung des Kirchenliedes schließlich habe die Orgel zu einem Verkündigungsinstrument christlicher Botschaften werden lassen.
Neuapostolische Besonderheit sei der Einsatz der Orgel auch zu meditativen Zwecken, zum Beispiel bei der Vorbereitung auf einen Gottesdienst, wenn sie mit sanften und leisen Tönen zur Stille in den Gotteshäusern beitrage, so Wolf-Rüdiger Spieler. Das sei insbesondere bei der Klanggestaltung von Orgeln in neuapostolischen Kirchen ein wichtiges Kriterium.
Klangliches Konzept
Weitere Kriterien bei der Planung einer Orgel seien die baulichen Gegebenheiten des Raums, in welchem die Orgel klingen solle, auch die Orgellandschaft der Region spiele eine Rolle für das Klangkonzept der Orgel und nicht zuletzt die Preisgestaltung. In Neukirchen-Vluyn habe man mit der Firma Orgelbau Willi Peter den geeigneten Partner für alle vier Aspekte gefunden, freute sich Wolf-Rüdiger Spieler. Der Kölner Orgelbauer habe bereits einige Projekte für die Neuapostolische Kirche in Nordrhein-Westfalen realisiert und so hätte man schon eine gute Basis für die Zusammenarbeit vorgefunden.
Wenn man berücksichtige, dass für den Bau eines Registers etwa 18.000 bis 20.000 Euro zu veranschlagen sind, sei man bei einem Preis von etwa 220.000 Euro für das 20-regristige Werk gut bedient, so Wolf-Rüdiger Spieler. Der Einsatz einer privaten Spende für dieses Orgelbauprojekt minimierte noch den finanziellen Einsatz der Neuapostolischen Kirche Nordrhein-Westfalen. Der gute Preis ist aber auch darin begründet, dass einige gebrauchte Register in der Orgel ihren Platz gefunden haben.
Hier nannte er vor allem das Register namens „Clarabella“. Gerade dieses Register passe in die Gesamtkonzeption des Klangs der Orgel, die man im Stile der englischen Orgelkultur gestalten wollte. Nicht so sehr barock und etwas kühl im Klang, wie in der norddeutschen Orgelkultur, dafür mit einem warmen, runden und noblen Klangbild, wie es die englische Orgelkultur geprägt habe, aber auch dem genannten Anspruch der Orgel in neuapostolischen Gottesdiensten zugutekomme, so Wolf-Rüdiger Spieler.
Ein kompletter Schwellschrank
Nach diesen theoretischen Erläuterungen ließ der Orgelfachmann einige Register erklingen, erklärte das Zusammenspiel verschiedener Registerkombinationen und kam insbesondere auf den Schwellschrank zu sprechen. Bei der Betrachtung des Orgelprospektes – das ist in der Fachsprache der sichtbare Teil des Pfeifenwerks – sind nur drei Gruppen von je fünf Pfeifen zu sehen, die zu Dekorationszwecken dort angebracht sind.
Alle Register und die dazugehörigen etwa 1200 Pfeifen sind hinter der ansehnlich gestalteten Jalousienwand verbaut. Dieser sogenannte Schwellkasten bietet die Möglichkeit, das gesamte Klangvolumen der Orgel in der Lautstärke durch Öffnen oder Schließen der Jalousien an- oder abschwellen zu lassen, ein für die Klangkonzeption der Neukirchener Orgel wichtiges Kriterium.
Von Buxtehude bis Mendelssohn
Durch den Kirchensaal, der mit seinem Pyramidendach eine gute Tonentfaltung zulässt, eigne sich die Orgel außer zum gottesdienstlichen Gebrauch auch zu Konzertzwecken, so Wolf-Rüdiger Spieler. Mit vier virtuosen Vortragen von Dierich Buxtehude, Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und schließlich Felix Mendelssohn-Bartholdy demonstrierte er quer durch die Epochen des Barock bis hin zur Romantik die Klangvielfalt der Orgel, die durchaus von einer musikalisch interessierten Öffentlichkeit als Bereicherung der Orgellandschaft in dieser Region wahrgenommen werden kann.
Blick auf den Schwellschrank
5. September 2017
Text:
Günter Lohsträter
Fotos:
Günter Lohsträter
Medien:
Günter Lohsträter
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