Neuapostolische Kirche
Westdeutschland
Bergisches Land. Warum hängen Bilder des Stammapostels in den Ämterzimmern? Und wie geht man mit Zweifeln im Glauben um? Bezirksapostel Stefan Pöschel stellte sich diesen und vielen weiteren Fragen von jungen Gläubigen aus dem Bezirk Bergisches Land – offen, humorvoll und mit viel Herz.
Die Jugendstunde in der Kirche Haan am Dienstagabend, dem 8. Juli 2025 bot den Jugendlichen des Kirchenbezirks Bergisches Land die Gelegenheit, ihren Kirchenleiter besser kennenzulernen. Ein Jugendlicher hatte Bezirksapostel Stefan Pöschel wenige Wochen zuvor zu einem Besuch eingeladen.
Fußball, Beruf und Mülltonnen
Schon die erste Frage zeigte: Die Jugendlichen wollten es genau wissen. Ob er Fußballfan sei? „Ich bin in der Beurhausstraße in Dortmund geboren, 200 Meter vom Westfalenstadion entfernt – das prägt“, antwortete der Bezirksapostel schmunzelnd. Ein Leben lang Borussia Dortmund – und doch war die Fußballrivalität mit seinem Vorgänger, Bezirksapostel Rainer Storck, einem Schalke-Fan, stets liebevoll. „Wir haben in herzlicher Verbundenheit manche Diskussion geführt“, schmunzelte Stefan Pöschel.
Auch seinen Berufsweg skizzierte er offen. Vor seiner vollen kirchlichen Tätigkeit war Stefan Pöschel über 30 Jahre lang in der Umweltwirtschaft tätig, zuletzt als Geschäftsführer eines Unternehmens für Abfallverbrennung. „Ich bin heute noch mit Leidenschaft Müllmann“, sagte er und erzählte von seiner Eigenart, auf Reisen oft Abfallbehälter am Straßenrand zu begutachten – sehr zur Verwunderung seiner Frau.
Zwischen Seelsorge und Organisation
In seiner Funktion als Kirchenpräsident leitet er die Gebietskirche Westdeutschland mit Sitz in Dortmund, ist aber auch in über 40 Ländern als Verantwortlicher tätig – darunter Angola und Portugal. „Kirche ist auch Organisation. Das heißt: Haushaltsverantwortung, Bauprojekte, Personalführung“, erklärte er. Nicht immer leicht: „Als Kirchenpräsident bin ich auch Arbeitgeber.“
Dass Kirche auch gesellschaftlich Position bezieht, sei für ihn selbstverständlich. „Christsein ist politisch“, betonte der Bezirksapostel mit Blick auf aktuelle Entwicklungen. In einer Welt, in der Egoismus und Fremdenfeindlichkeit zunehmen, müsse die Kirche klar Stellung beziehen: „Der Satz ‚Ich nehme den Nächsten an, wie er ist‘ ist eine hochpolitische Aussage – und genau das leben wir.“
Zwischen Senegal und Sehnsucht
Ein weiteres Thema: die vielen Reisen. Bezirksapostel Pöschel berichtete, dass er oft mehrere Tage unterwegs sei – und dennoch gern reise. „Ich bin gern zu Hause. Aber ich freue mich auch sehr auf die Begegnungen mit Glaubensgeschwistern.“ Berührend schilderte er die Situation in Westafrika und hier besonders in Burkina Faso, wo Christen in großer Gefahr leben. „Ein Bischof hat mir gesagt: Ich habe keine Schüler mehr – sie sind mit ihren Familien geflüchtet. Und trotzdem bleibt er da, bei seiner Gemeinde, weil die Herde sonst ohne Hirten wäre. Das ist Glaube.“
Auch das Thema Zweifel kam zur Sprache. Stefan Pöschel ermutigte dazu, Zweifel zuzulassen. „Zweifel dienen der Vergewisserung“, sagte er. Wer zweifle, solle Gott seine Fragen offen nennen: „Werd nicht sprachlos! Auch wenn du im Moment nicht beten kannst, dann sag es Gott – und tu es trotzdem.“
Erlebnisse, Erfahrungen, Engagement
Glaubenserlebnisse seien für ihn nicht nur die großen Momente. Vielmehr seien es oft die kleinen Zeichen im Alltag, die ihn berührten – ein Wort, ein Lächeln, eine WhatsApp zur rechten Zeit. „Der liebe Gott schickt manchmal Menschen, um Gebete zu erhören. Und manchmal bist du selbst dieser Mensch.“
Sein Rat an die Jugendlichen: mitmachen, nicht warten. „Das beste Rezept fürs Nachmachen ist Vormachen“, sagte er. Jugendliche sollten sich in ihren Gemeinden aktiv einbringen – mit Ideen, die auch mal „gegen den Strich gebürstet“ seien. „Sagt nicht: Das sollen die Älteren machen. Macht den ersten Schritt, dann bewegt sich was.“
Über Bilder, Bibelworte und Begeisterung
Warum hängt in jedem Ämterzimmer ein Bild des Stammapostels? Auch das erklärte der Bezirksapostel: „Der Stammapostel ist das geistliche Oberhaupt unserer Kirche. Das dokumentieren wir damit – wie ein Bürgermeister das Bild des Bundespräsidenten in seinem Büro hängen hat.“
Auch zur Entstehung der Leitgedanken äußerte sich der Bezirksapostel ausführlich. Eine internationale Arbeitsgruppe erarbeite die Inhalte, die vom Stammapostel freigegeben werden. Seine eigenen Gottesdienste bereite er oft lange im Voraus vor – geistlich getragen vom Gebet und vom Gespräch mit Vorstehern vor Ort.
Musik, Vielfalt und Zukunft
Warum es kein weltweit einheitliches Gesangbuch gibt? „Die Musikkulturen sind einfach zu unterschiedlich“, sagte er. Während in Argentinien das Harmonium zum Gottesdienst gehöre, seien in Afrika Trommeln und Gesang Ausdruck lebendiger Gottesverehrung. „Ein gemeinsames Gesangbuch würde dieser Vielfalt nicht gerecht.“
Und wie sieht er die Kirche der Zukunft? „Sie ist eine Kirche, die innerlich reift – die lernt, zu vergeben, zu lieben, Unterschiede zu akzeptieren.“ Die Botschaft: Es kommt nicht auf Größe oder Zahlen an. Aber: „Ich bin überzeugt: Wenn wir begeistert vom Evangelium erzählen, wächst Kirche – auch heute noch.“
Motivieren statt resignieren
Wie können junge Menschen ihre Glaubensgeschwister motivieren? Auch dazu hatte der Bezirksapostel eine klare Antwort: „Sprecht miteinander – nicht übereinander.“ Gerade bei Spannungen mit älteren Gemeindemitgliedern helfe oft ein klärendes Gespräch: „Sag zum Beispiel einem langjährigen Dirigenten unter vier Augen, was dich bewegt – ehrlich und respektvoll.“
Die Jugendlichen forderte er auf, sich selbst als „Treibstoff“ der Gemeinde zu verstehen. „Wenn der Vorsteher der Motor ist, dann gebt ihr ihm die Energie. Bringt euch ein – mit Begeisterung und Mut.“
Paulus als Vorbild – und Pizza zum Schluss
Zum Abschluss wurde es noch einmal persönlich: Wer sein Vorbild sei? „Paulus“, sagte Pöschel spontan. „Sein Wandel, seine Begeisterung, seine Entschlossenheit – das fasziniert mich. Der hat alles gegeben, egal unter welchen Umständen.“
Dann gab es noch ein kleines Geschenk für den Bezirksapostel – einen symbolischen 0 Euro-Schein mit der Müngstener Brücke, der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands zwischen Remscheid und Solingen. Sie steht für den Bezirk Bergisches Land, der aus Gemeinden in Wuppertal und Velbert besteht.
Beim gemeinsamen Pizzaessen war im Anschluss noch Gelegenheit zu Gesprächen – untereinander und mit dem Bezirksapostel. Die Jugendlichen verabschiedeten ihren Gast schließlich mit einem Lächeln – und einer Botschaft, die hängenbleibt: Kirche lebt von Begeisterung. Und von Menschen, die sie weitergeben.
16. Juli 2025
Text:
Frank Schuldt
Fotos:
Frank Schuldt
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