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Interview mit Apostel Follmann I:
Vom jungen Gemeindevorsteher
zum Bischof und Apostel

 

Westdeutschland/Bereich Nordost. Am 29. Oktober 2023 wurde Bischof René Follmann durch Stammapostel Jean-Luc Schneider in Bad Sassendorf zum Apostel ordiniert. Im ersten Teil des Gesprächs mit dem derzeit jüngsten Apostel in Europa geht es um die ersten Erfahrungen im neuen Amtsauftrag.

Apostel Follmann, Sie waren bei Ihrer Ordination im Oktober 2023 45 Jahre alt. Haben Sie einmal nachgesehen, der wievielt jüngste Apostel in Europa Sie damit sind?

Nein, aber Bezirksapostel Storck hat mir einmal gesagt, dass ich – ich weiß es nicht mehr genau – der aktiv jüngste oder einer der aktiv jüngsten Apostel bin. Ich bin mir aber bewusst, dass der Altersdurchschnitt durch mich gesenkt wurde.

Wir haben das nachgesehen: Sie sind aktuell mit 46 Jahren der jüngste aktive Apostel in Europa. Hat das irgendeinen Einfluss auf die eigene Arbeit oder das eigene Verständnis? Empfindet man als junger Apostel vielleicht andere Erwartungen von anderen?

Ein bisschen schon. Das ist nicht etwas, was mich ständig begleitet oder dauernd durch den Kopf geht. Apostel ist Apostel, die Aufgabenfelder sind dieselben oder sehr ähnlich, unabhängig vom Alter. Aber ja: Vielleicht verknüpfen gerade junge Glaubensgeschwister und Jugendliche damit eine gewisse Erwartungshaltung, dass vielleicht ein gewisser „frischer Wind“ Einzug hält. Gern nehme ich diese Aufgabe an. Allerdings will ich dies nicht mit der Brechstange tun. Um unseren Stammapostel zu zitieren: „Einige möchten, dass sich nichts ändert, andere möchten, dass sich alles ändert.“ Die Kunst besteht darin, alle mitzunehmen.

Mit 26 Jahren wurden Sie zum Diakon ordiniert, ein Jahr später zum Priester. Weitere zwei Jahre später übernahmen Sie als Vorsteher die Leitung einer Gemeinde. Wie war das damals für Sie?

Das war eine spannende Zeit. Aus heutiger Sicht kommt es mir gar nicht so vor, dass dies alles innerhalb von nur drei Jahren passiert ist. Die Vorsteherbeauftragung und Verantwortung als frisch gebackener Familienvater kurz nach dem Umzug nach Heiligenhaus waren eine Herausforderung. Wir haben das im Glauben auf- und angenommen und auf die Hilfe Gottes vertraut.

15 Jahre waren Sie Gemeindevorsteher in Heiligenhaus im Bezirk Velbert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich blicke gern zurück auf diese Zeit, auch wenn man in solche Aufgaben und mit dieser Verantwortung mal schwierige Momente erlebt und sich sagt: Mensch, musst du den Stress eigentlich haben? Geholfen hat mir, dass es eine sehr liebe Gemeinde ist. Meine Schwestern und Brüder haben mir als noch recht jungem Menschen damals mit dieser Aufgabe sehr viel Unterstützung entgegengebracht, die auch Verständnis für meine Situation und die unserer Familie hatte, uns da einfach getragen hat. Daher habe ich die Aufgabe meistens mit Freude ausüben können.

Jetzt haben wir schon ein paar Stichworte von Ihnen gehört: jung, Familienvater, Gemeindevorsteher. Es gibt auch andere junge Gemeindevorsteher. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung Tipps? Worauf sollte man als Vorsteher achten?

Man steht als Gemeindevorsteher in einer besonderen Verantwortung und ist – gerade als junger Mensch – auf einmal in einer Position, in der man viele Entscheidungen treffen soll und muss. Auf der einen Seite sollte man nie vergessen, dass man Vorangänger hat, die man fragen kann. Das habe ich immer dann getan, wenn ich mich mit einer Entscheidung so richtig schwergetan habe. Man muss nicht alles im Alleingang regeln, sondern kann wirklich das Gespräch im Vertrauen zu den eigenen Seelsorgern suchen. Auf der anderen Seite gibt es auch den Ämterkreis in der Gemeinde. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, nicht alles im Alleingang zu entscheiden, sondern mich stets gemeinschaftlich über die Dinge auszutauschen, alle – damals noch Amtsbrüder – anzuhören und dann auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen. So kann es gelingen, möglichst viele auf dem Weg mitzunehmen. Das schafft man nicht immer, es müssen auch mal Entscheidungen getroffen werden, die der eine oder andere nicht versteht. Aber grundsätzlich ist es wichtig, den Kreis der Seelsorger einer Gemeinde mitzunehmen.

Wenn man Gemeindevorsteher ist, dann gibt es auch administrative Arbeit. Vielleicht haben Sie sich mal gefragt: Warum entscheidet die Kirchenleitung das? Warum ist das so? Jetzt sind Sie Apostel und damit Mitglied im Landesvorstand. Sie hätten die Möglichkeit, das zu ändern. Gibt es da etwas, wo Sie sich vorgenommen haben: Daran müssen wir etwas tun, um die Vorsteher zu entlasten oder zu unterstützen?

Es gibt ein Thema, welches mich und meine Vorsteherkollegen beschäftigt hat, das ist die Kommunikation. An vielen Stellen wünschten wir uns als Vorsteher, mehr mitgenommen zu werden bezüglich der Entwicklungen und strategischen Planung unserer Kirche. Wir haben Verantwortung für Gemeinden, versorgen diese nach bestem Wissen und Gewissen und halten die Flagge hoch. Irgendwo hatten meine Mitvorsteher und ich schon das Bedürfnis, mehr einbezogen zu werden und nicht nur „Empfänger von Entscheidungen“ zu sein.

Schon als Bischof habe ich mir vorgenommen, die Kommunikation und den Austausch stärker zu fördern. Ich versuche als Apostel, dem ausreichend Zeit einzuräumen. Mir ist der Dialog mit den Verantwortlichen in den Bezirken und Gemeinden wichtig. Auch ein Vorsteher kann immer den Bischof oder Apostel ansprechen, wenn er etwas auf dem Herzen hat oder etwas wissen möchte. Ich wünsche mir hier ein vertrauensvolles Miteinander. Auch wenn die Zeit begrenzt ist und ich es nicht schaffe, mit allen Vorstehern monatliche Gespräche zu führen; aber jeder soll wissen: Wo Bedarf ist, informieren wir und tauschen uns aus, gehen die Dinge gemeinsam an.

Im Zentralgottesdienst 2022 in Koblenz wurden Sie zum Bischof ernannt. Dass dies vom Gemeindevorsteher zum Bischof geschah, war sicherlich für viele eine Überraschung. Wie haben Sie selbst davon erfahren?

Ich bekam von meinem zuständigen Apostel Wolfgang Schug eine E-Mail mit der Bitte um einen Besuchstermin. Das kann ein Seelsorgebesuch sein, aber meine Frau und ich haben uns schon im Vorfeld gefragt: Gibt es da noch mehr? Wir waren also in einer gewissen Erwartungsanspannung. So kam es dann in diesem Gespräch, dass unser Apostel den Wunsch geäußert und uns gefragt hat, ob wir uns vorstellen können, dass ich als Bischof ernannt werde.

Ich sage es offen: Bei diesen Vorüberlegungen fängt man ja nicht mit dem Gedanken an: Da geht es bestimmt um die Ernennung zum Bischof. Tatsächlich war unser Gedanke: Unser Bezirksältester geht in einem Jahr in den Ruhestand. Gut, es gibt auch zwei Bezirksevangelisten, aber vielleicht übernimmt einer die Leitung und es wird ein neuer Bezirksvorsteher-Vertreter gesucht. Ich dachte also an mehr Verantwortung auf Bezirksebene. Irgendwann dachte ich an den nahen Ruhestand unseres Bischofs; aber da war ich sicher, dass das schon alles geregelt war. Diese Frage war daher für uns schon ein „Schock“, eine Überraschung.

Und wie sind Sie beide damit umgegangen?

Auch hier haben wir am Ende aus dem Glauben heraus entschieden. Ich habe den Ruf angenommen und es fühlte sich richtig an.

Wie war das ein Jahr später mit der Ordination zum Apostel?

Das war genauso spannend und eine ähnliche Situation: Man bekommt wieder eine Anfrage zu einem Besuch, und dann wird es schon heikel, denn: Der Apostel war ja bereits vor einem Jahr da. Spätestens, als neben dem Apostel auch der Bezirksapostel vor der Tür stand, wusste ich: Das wird kein reiner „Familienbesuch“.

Am Ende war es ein Schock, den es dann erstmal zu verdauen gilt. Der Bischof hat allen priesterlichen Ämtern ein Vorbild und Ansprechpartner zu sein, das Bindeglied in die Kirchenleitung hinein. Damit ist viel Verantwortung verbunden. Aber das Apostelamt hat dann noch mal eine ganz andere Dimension. Nach unserem Glaubensverständnis sind die Apostel Gesandte Jesu Christi und werden ja auch von den Geschwistern und Gemeinden als solche wahrgenommen. Mit dem Apostolat werden sehr viel Glaube und Hoffnung verbunden. Das ist eine sehr, sehr große Verantwortung. Über die Übernahme einer solchen Verantwortung schläft man nicht nur eine Nacht.

Mit der Ordination zum Apostel ändert sich vieles, durch den Eintritt in den Kirchendienst auch beruflich. Wird man da ins „kalte Wasser“ geworfen oder gab es hierzu Gespräche mit dem Apostel?

Es gab natürlich von Anfang an Gespräche über die künftigen Aufgaben als Apostel und in der Kirchenverwaltung. Ich bin dankbar, dass man mich damit aber nicht „überfahren“ hat, sondern nach und nach die Dinge angegangen ist.

Sie haben vorher als IT-Projektmanager in einem mittelständischen Unternehmen gearbeitet. Wie schwer war es, den Job aufzugeben?

Ich hatte im letzten Jahr ohnehin überlegt, mich beruflich zu verändern. Bevor ich mir jedoch weitere Gedanken oder mich auf die Suche machen konnte, stand der Bezirksapostel auf der Türschwelle und hat mir ein ganz anders Angebot gemacht. Das haben meine Frau und ich schon wahrgenommen, als von Gott zur rechten Zeit so gelenkt. Es fühlte sich insofern auch passend an, griff genau ineinander. Nichtsdestotrotz endet dann ein Lebensabschnitt. Ich habe meinen Beruf in der IT und im Softwarebereich gern ausgeführt. Es war eine schöne, eine gute Zeit. Nun ist aber ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Als die Frage zum Apostelamt an Sie herangetragen wurde, haben Sie sich dann schon mal die Frage gestellt: Warum ich?

Ja, natürlich, das geht anderen Schwestern und Brüdern sicher in der gleichen Situation ebenso. Letzten Endes stellt man sich an der Stelle viele Fragen. Vielleicht sieht man manche Amtsträger im Umfeld, von denen man sagen würde: Der wäre doch noch viel besser geeignet als ich. Da ist nicht zuletzt die Frage: Ich bin ja nun auch nicht vollkommen; wie kann es sein, dass der liebe Gott genau mich dazu haben will?

Aber das ist es ja: Der liebe Gott wirkt durch unvollkommene Menschen und kann durch sie trotzdem Segen wirken. Jesus Christus hat es so festgelegt, dass wir Menschen als seine Gesandten sein Werk hier auf der Erde fortführen. Das ist ein Geheimnis der göttlichen Führung, aus menschlicher Sicht ein unvollkommenes Werkzeug – und doch kann der liebe Gott durch dieses unvollkommene Werkzeug wunderbar wirken und gestalten.

Sie sprachen eben schon davon, dass Sie einen Schwerpunkt auf die Kommunikation auch mit den Vorstehern und Bezirksvorstehern legen wollen. Haben Sie sich weitere Schwerpunkte für Ihre Amtszeit vorgenommen, oder hat sich vielleicht schon herauskristallisiert, worauf Sie den Fokus legen wollen?

Was natürlich immer ganz vorn stehen muss, ist die Seelsorge. Darin möchte ich Impulse setzen. Das heißt, dass ich auch die Nähe zu den zuständigen Geistlichen in den Bezirken und Gemeinden suche und pflegen möchte. Als Apostel möchte ich da Vorbild sein, wie Seelsorge auch in den Gemeinden umgesetzt werden sollte. Natürlich haben wir Seelsorgekonzepte, Handlungsempfehlungen, die wir seitens der Kirchenleitung den Seelsorgern zur Seite geben. Aber es kann nicht für jede Situation etwas aufgeschrieben werden. Da muss oft einfach aus dem Herzen heraus agiert werden. Ein Beispiel dazu wäre die Liebe. Es gibt manchmal die Überlegung: Wie agiere ich da jetzt? Soll es streng sein, poche ich als Apostel darauf, dass irgendeine Regel eingehalten wird? Manchmal steht man auch zwischen den Stühlen. Im Zweifelsfall, so hat es Jesus Christus vorgelebt, sollte man der Liebe den Vorrang geben. Und das versuche ich genauso umzusetzen.

Ich habe gerade schon das Thema der Information und Kommunikation angeführt, auch ein großes Feld, weil ich denke, dass wir da noch Luft nach oben haben. Dafür setze ich mich persönlich gern ein. Sehr gern arbeite ich daher auch in dem Projektteam mit, das die Wei-terentwicklung unserer Informationsplattform ELIAS steuert.

Gibt es eine Gruppe, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ich könnte jetzt so manche Gruppe nennen, aber mir sind alle wichtig. Eine große Herausforderung ist, nicht nur die einzelnen Altersgruppen zu fördern, sondern auch das Übergreifende. Ich glaube, das wird in Zukunft wieder wichtiger werden. Wir stellen in den Gemeinden und Bezirken fest, dass die Gruppen kleiner werden, dass beispielsweise nur zwölf Jugendliche zu einem Jugendgottesdienst im Bezirk kommen. Zudem werden die Entfernungen größer.

Ich nehme zudem einen Trend wahr: Jeder möchte wahrgenommen werden, jeder möchte, dass auf ihn besonders Rücksicht genommen wird – als einzelne Person oder Teil einer kleinen Gruppe, einer Minderheit oder bestimmten Alters- oder Interessensgruppe. Das ist so, ist an sich auch nichts Schlimmes; aber wir müssen natürlich schauen: Wie bekommen wir das alles organisiert? Noch mehr Gruppen und noch mehr Dinge, das wird alles irgendwann nicht mehr gehen. Wir haben nur begrenzt Ressourcen, mal ganz sachlich gesprochen, konkret also Geschwister, die sich ganz liebevoll im Ehrenamt mit viel Zeit und mit viel Herz einbringen. Da sind wir wieder bei dem Punkt: Alles wird nicht gehen, wir müssen in rechter Weise priorisieren, die Dinge fördern, die wichtig sind.

Abschließend: also für mich ist eine lebendige Gemeinde nicht: Da gibt es eine Gruppe Jugendlicher, die ist toll, es gibt eine Gruppe Kinder, die ist toll, und es gibt eine Gruppe Senioren, die ist toll – nein: Eigentlich verstehen sich alle miteinander, tauschen sich aus, haben auch Kontakt miteinander, interessieren sich füreinander. Ich weiß, dass es da Herausforderungen gibt, aber das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, wenn wir in Zukunft schöne lebendige Gemeinden haben wollen.

16. Dezember 2024
Text: Frank Schuldt
Fotos: Tim Schaefer-Rolffs

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