Neuapostolische Kirche
Westdeutschland
Westdeutschland/Dortmund. In wenigen Tagen tritt Bezirksapostel Rainer Storck in den Ruhestand, Apostel Stefan Pöschel übernimmt die Leitung der Gebietskirche Westdeutschland. Im vierten Teil des Gesprächs geht es um die Zukunft der Gebietskirche, den kirchlichen Nachwuchs und einen möglichen westdeutschen Kirchentag.
Apostel Pöschel, gehen wir mal ein bisschen weg von der Neuapostolischen Kirche und schauen allgemein auf die Kirche Christi: Was sind Herausforderungen für Kirche in den nächsten Jahren aus Ihrer Sicht?
Wir erleben eine immer stärkere Säkularisierung der Gesellschaft. Wir sind als Christen, zumindest in Deutschland, alsbald in einer Minderheit. Diese Minderheit erhebt kaum noch ihre Stimme. Das ist ein Phänomen. Normalerweise stellen wir fest, dass Minderheiten umso lauter werden; nur der Christ ist sehr, sehr leise. Wir wollen zwar nicht in das Geschrei anderer mit einstimmen, aber wir wollen schon unsere Wertevorstellungen, die aus dem Evangelium stammen, zu Gehör bringen, und das mit anderen christlichen Kirchen gemeinsam.
Die Apostel sprechen immer wieder darüber, wie wichtig der kirchliche Nachwuchs ist. Bezirksapostel Storck, Sie haben auch einen Fokus auf die Jugendlichen gelegt, haben viele Jugendtage mit ausgerichtet, auch den Internationalen Jugendtag. Sie haben die Jugendlichen 2022 ins Phantasialand eingeladen: Was ist aus Ihrer Sicht wichtig, was den kirchlichen Nachwuchs angeht?
Es ist nach wie vor meine Grundüberzeugung, dass solche Events wie der internationale Jugendtag, Gemeinschaft im Phantasialand wichtig und gut sind, dass die Jugendlichen sich freuen, dass sie lange darüber sprechen, dass es gemeinschaftsfördernd ist. Die Haltekräfte für die jungen Leute findet man aber nicht im Phantasialand. Dorthin können sie allein gehen, dahin können sie mit ihrer Familie gehen. Die Haltekräfte für die Jugendlichen in unserer Kirche finden wir in der Gemeinde.
Wir haben so viele Möglichkeiten, Jugendliche einzusetzen, die sind noch gar nicht ausgeschöpft: vom Begrüßen der Geschwister bis teilweise zum Opfer zählen. Da müssen wir die jungen Leute im Rahmen unserer Möglichkeiten heranlassen, nicht nur in organisatorischen Dingen. Wir müssen ihnen schmackhaft machen, Aufgaben von Lehrkräften zu übernehmen, Ämter zu übernehmen; aber der Hauptfokus liegt auf der Gemeinde, da können wir uns in Dortmund ausdenken, was wir wollen: Wir müssen sie in der Gemeinde integrieren. Das ist der wichtigste Punkt überhaupt.
Opfer zählen ist nicht unbedingt eine attraktive Aufgabe für einen Jugendlichen, für die er sich begeistert. Wo habe ich denn die Möglichkeiten, als junger Mensch Gemeinde wirklich aktiv mitzugestalten, mal abgesehen von Kirche putzen, Blumenschmuck oder einer Lesung im „Ostergottesdienst“?
Das ist genauso, wie bei anderen Geschwistern auch. Wir haben begrenzte Möglichkeiten, was die Amtsträger angeht, was Gottesdiensthalten angeht. Das geht über Musik, über dirigieren, über Gemeindegremium, und ich denke schon, dass das Möglichkeiten sind. Gesprächskreise und auch Andachten können auch durch Nicht-Amtsträger durchgeführt werden. Davon wird noch viel zu wenig Gebrauch gemacht. Das müssen wir fördern.
Apostel Pöschel, was hat Sie in Ihrer Kinder- und Jugendzeit in Ihrer Heimat Dortmund geprägt?
Ich habe eine sehr aktive Jugendzeit in der Gemeinde und im Bezirk erlebt. Das hat sich später durch die Annahme eines ersten Amtsauftrags etwas gewandelt; der Blick auf Gemeinde und Jugendkreis wurde von noch mehr Gebet und Zuwendung geprägt. Aber ich habe, das kann ich sagen, eine klasse Jugendzeit erlebt, in der natürlich solche Ereignisse wie Jugendseminare in Quelle und Hochdahl oder Jugendfreizeiten wie in Darfeld und Schöller eine Rolle gespielt haben. Das war typisch für unsere Zeit. Da sind auch viele Freundschaften entstanden.
Was nehmen Sie aus Ihren Erfahrungen für die Seelsorge in den nächsten Jahren mit? Welche Akzente können in der Kinder- und Jugendseelsorge gesetzt werden?
Ich habe es gerade für die Amtsträgerinnen und Amtsträger gesagt: Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder damit beschäftigen, was Inhalt unseres Glaubens ist. Wir dürfen dabei nicht an der Oberfläche bleiben, sondern jeder Einzelne – was natürlich auch Kinder und Jugendliche insbesondere betrifft – darf hier tiefer graben und sich mit dem Inhalt des Glaubens beschäftigen. Das wird eine Aufgabe sein, wo wir Angebote schaffen wollen, wo wir aber auch „Patenschaften“ über die Generationen hinweg anregen wollen, wo dann auch mal die Älteren über ihre Glaubenserfahrungen, über Gebetserhörungen, über Enttäuschungen ihres Lebens berichten und das an die nachfolgenden Generationen weitergeben.
Nun gibt es Jugendstunden nicht mehr überall, Jugendseminare auch weniger, der Besuch der Wochentagsgottesdienste lässt nach, die Freizeitzentren gibt es nicht mehr. Besteht die Gefahr, dass wir Gemeinschaft in den letzten Jahren verlernt haben?
Der Hang zum Individualismus und der Hang zur Vereinzelung ist gesamtgesellschaftlich wahrzunehmen. Wir müssen uns dem aber nicht ergeben. Vielleicht verändert sich der Ort der Gemeinschaft. Wenn wir in der Vergangenheit eher solche „Sondergruppen“ hatten wie Jugendliche oder Kinder, die im Bezirk oder anderen Zusammenhängen beieinander waren, glaube ich, dass in Zukunft es so sein mag, dass Kinder und Jugendliche in der Gemeinde stärker verankert sind, dass wir viel stärker den Gedanken der Gemeinde leben: generationsübergreifend.
Gerade klang es schon an: Wenn wir uns hier in Europa umschauen, dann leiden die Kirchen unter Säkularisierung und der demografischen Entwicklung. Bezirksapostel Storck sprach es an: Standorte wurden oder werden zusammengelegt, der Gottesdienstbesuch ist zurückgegangen. Da fällt es manchen schwer, weiterhin motiviert nach vorn zu gehen. Gibt es Überlegungen, wie wir die Gemeinden neu motivieren können?
Für mich ist eine ganz entscheidende Frage, wohin sich unsere Kirche entwickelt. Werden wir mehr und mehr zu einer Institution, die sich mit Administration beschäftigt, die Vermögen verwaltet, die Finanzgeschäfte macht? Oder gehen wir wieder mehr dahin, Kirche Jesu Christi zu sein – wir haben ein Evangelium! – und über die materiellen Dinge hinauszusehen.
Der Stammapostel hat Pfingsten darüber gesprochen. Was ist denn wichtig? Was spielt bei den Geschwistern eine größere Rolle: Der Brunch nach dem Gottesdienst oder das Erleben eines Gottesdienstes. Wir müssen sehen, dass wir die Werte wieder in die richtige Richtung bekommen, das ist eine für mich fundamentale Aufgabe der Gebietskirche und der weltweiten Kirche überhaupt.
Dass das nicht bequem ist und dass das nicht alle erfreut, dass man dann hört: Ja, dann kommen die Kinder nicht mehr, die sind in der Schule ganz anderes gewohnt – das müssen wir ertragen. Wir müssen uns vielleicht wieder mehr auf das „Kerngeschäft“ Evangelium und Wiederkunft Jesu Christi fokussieren. Und dann bekommen die jungen Menschen auch Antworten auf ihre Fragen.
Apostel Pöschel: Ich kann dem Bezirksapostel nur beipflichten. Besinnen wir uns auf unsere Kernaufgabe: Leben wir nach den Grundsätzen des Evangeliums und tragen diese Werte in unsere Familie, Gemeinde, Nachbarschaft, unser Umfeld. Eine Idealisierung von Gemeindegröße, Durchschnittsalter, Anzahl von Kindern und Jugendlichen, Qualität der Musik, Vorhandensein eines Chores und ähnliches ist nicht angesagt.
Auch wenn es eine kleine Gemeinde ist, wo diese Voraussetzungen alle nur eingeschränkt vorhanden sind, hat sie ihre Berechtigung, wenn in ihr der Heilige Geist regiert und die Gläubigen ihren persönlichen Beitrag leisten. Mir liegt sehr viel daran, dass wir die Gemeinden vor Ort mehr als zuvor als geistliche Gemeinschaft verstehen und es weniger davon abhängig machen, ob die Anzahl der Parkplätze ausreichend ist oder die Kirchenbänke endlich durch Stühle ausgetauscht werden. Ich wünsche mir für meine Amtszeit eine neue Genügsamkeit in den Gemeinden Westdeutschlands.
Wie sehen Sie beide die Zukunft der Gebietskirche Westdeutschland? Wo stehen wir in zehn Jahren?
Bezirksapostel Storck: Es wird uns geben. In welcher Größenordnung und Konstellation, das weiß ich nicht. Ob man noch über weitere größere Fusionen nachdenken kann, glaube ich nicht; denn es wären dann riesige Gebilde, die durch einen Bezirksapostel fast nicht mehr vernünftig zu leiten sind. Was aber den Glauben, die Gemeinden angeht, habe ich durchaus die Hoffnung und den berechtigten Glauben: Warum soll es denn nicht noch mal etwas mehr werden als weniger?
Apostel Pöschel: Wenn man den Begriff Gebietskirche durch Bezirksapostelbereich ersetzt, kann ich mir durchaus vorstellen, dass die eine oder andere Gebietskirche – dann wirklich im eigentlichen Sinn des Wortes – auf dem afrikanischen Kontinent noch mehr in die Eigenständigkeit kommt. Das hängt allerdings von unterschiedlichen Faktoren ab. Das kann also sein. Ansonsten will ich die Frage, wo ich uns ihn zehn Jahren sehe, aus meinem Glauben heraus beantworten: Hoffentlich am Tag des Herrn; und wenn nicht, werden wir so weiterarbeiten, dass der Herr am nächsten Tag kommen kann.
2013 gab es einen regionalen Kirchentag in Nordrhein-Westfalen, vor wenigen Wochen einen regionalen Kirchentag in Süddeutschland. Bezirksapostel Ehrich hat am Ende ermuntert, dass auch die anderen Gebietskirchen einen regionalen Kirchentag ausrichten. War das auch ein Thema bei der Bezirksapostelversammlung?
Apostel Pöschel: Streng genommen war das kein Thema auf der Tagesordnung, es war aber eins von angeregten Gesprächen: Wie waren die Erkenntnisse, wie waren denn die Erfahrungen derer, die ausgerichtet oder teilgenommen haben? Wir haben sehr wohl den Ruf vernommen, der von Karlsruhe ausging: Ihr Lieben im Nordosten und im Westen, macht euch doch mal Gedanken. Ja, das tun wir tatsächlich; aber es ist zu früh, darüber jetzt zu spekulieren.
Bezirksapostel Storck, was machen Sie am letzten Juni-Wochenende, dem ersten Wochenende nach der Ruhesetzung?
Ich werde den Gottesdienst in der Gemeinde Issum erleben (Anmerkung der Redaktion: Die Gemeinde Rheinberg wird derzeit renoviert). Am Wochenende danach wird die ganze Familie da sein und wir werden sehen, wie ich die ersten zwei Wochen im Ruhestand vertragen habe.
Apostel Pöschel, am 23. Juni erfolgt Ihre Beauftragung als Bezirksapostel. Was ist das Erste, das Sie am 24. Juni tun werden?
Apostel Pöschel: Ich werde an diesem Montag die „Hühner“ satteln und nach Dortmund fahren, in die Verwaltung. Da werden wir eine Feierstunde erleben, in der unser heutiger Bezirksapostel aus der Kirchenverwaltung verabschiedet wird, aber nur auf Armlänge, nicht auf Weite. Auf der anderen Seite wird es sicherlich auch Aufgabe sein, mich hier an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu richten und ihnen das gute Gefühl, die Sicherheit zu geben: Es geht so gut weiter, wie es in der Vergangenheit gelaufen ist.
Allerletzte Frage an Sie, Bezirksapostel Storck: Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?
Bezirksapostel Storck: Ich wünsche ihm, dass er so weitermacht, wie bisher, dass er viel Kraft hat, dass er seine Zuversicht nicht verliert und vor allen Dingen wünsche ich ihm Gesundheit, das ist ganz wichtig.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
17. Juni 2024
Text:
Frank Schuldt
Fotos:
Fabian Reichart
Top Links
Datenschutzeinstellungen
Mit Hilfe einiger zusätzlicher Dienste können wir mehr Funktionen (z.B. YouTube-Video-Vorschau) anbieten. Sie können Ihre Zustimmung später jederzeit ändern oder zurückziehen.
Datenschutzeinstellungen
Diese Internetseite verwendet notwendige Cookies, um die ordnungsgemäße Funktion sicherzustellen. Jeder Nutzer entscheidet selbst, welche zusätzlichen Dienste genutzt werden sollen. Die Zustimmung kann jederzeit zurückgezogen werden.
Einstellungen
Nachfolgend lassen sich Dienste anpassen, die auf dieser Website angeboten werden. Jeder Dienst kann nach eigenem Ermessen aktiviert oder deaktiviert werden. Mehr Informationen finden sich in der Datenschutzerklärung.