Neuapostolische Kirche
Westdeutschland
Westdeutschland/Dortmund. In wenigen Tagen tritt Bezirksapostel Rainer Storck in den Ruhestand, Apostel Stefan Pöschel übernimmt die Leitung der Gebietskirche Westdeutschland. Im dritten Teil des Gesprächs geht es um den Rückblick auf die Amtszeit von Bezirksapostel Storck sowie prägende Phasen und Ereignisse.
Bezirksapostel, schauen wir zurück auf Ihre Amtszeit. Wie hat sich die Neuapostolische Kirche in Nordrhein-Westfalen, heute Westdeutschland, seit Ihrem Amtsantritt entwickelt?
Wir sind, was den Gottesdienstbesuch angeht, kleiner geworden. Heute haben wir lange nicht mehr so viele Gemeinden, wie wir 2014 hatten: Wir mussten Gemeinden aus unterschiedlichsten Gründen zusammenlegen. Wir haben aber Strategien entwickelt, wie wir das machen, dass es nicht nach dem Zufallsprinzip geht und man anfängt zu handeln, wenn eine Gemeinde nicht mehr lebensfähig ist. Wir sind – das war durchaus auch für den Landesvorstand unbequem – proaktiv gewesen und haben uns anhand der Zahlen, die uns vorlagen, überlegt, wie die Gemeindelandschaft denn in vier, fünf oder acht Jahren aussehen könnte. So haben wir auch unser Ausgaben-, unser Finanzverständnis gestärkt und geschärft, um Fehlinvestitionen zu vermeiden.
Veränderungen, die auf internationale Beschlüsse der Bezirksapostelversammlung zurückgehen, die wir in dieser Zeit erlebt haben, sind das Amtsverständnis I, indem wir auf die Beauftragung geschaut haben und ein Bezirksvorsteher nicht mehr an ein Amt gebunden war. Und dann ist da natürlich das Amtsverständnis II, indem die Möglichkeit besteht, Frauen in alle Ämter unserer Kirche ordinieren zu können.
Was waren im Rückblick besondere Ereignisse oder besondere Phasen in den letzten Jahren?
Der Internationale Jugendtag 2019: Stress pur im Vorfeld, Freude pur-pur am Ende. Dann: Die Zusammenlegung der Gebietskirchen Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland und Nordrhein-Westfalen war anstrengend, ist aber gut gelaufen. Das sind die Ereignisse, die Kraft und Zeit gekostet haben.
Betrachten wir die verschiedenen Ebenen von der Kirchenleitung bis zu den Gemeinden: Wie ist der Stand der Fusion jetzt, nach sechs Jahren?
(lacht) Ich bin immer ein Wandervogel gewesen. Meistens habe ich nach einer Dekade meine Beauftragung verlassen, ob es Vorsteher war oder Bezirksvorsteher, Apostel und jetzt Bezirksapostel. Wenn ich in dieser Zeit eins gelernt habe, um solche Prozesse erfolgreich zu gestalten: Man muss zuhören und den anderen verstehen können – und das bis auf Bezirksvorsteher- und Vorsteherebene. Mein Eindruck ist ganz klar: Selbst wenn man aus unterschiedlichen Historien oder Traditionen kommt, die Bezirksapostel in den Bereichen unterschiedlich waren: Wir sind zu einer Gebietskirche zusammengewachsen. Das gilt für die Ämter, das gilt besonders für die Apostel, das gilt aber auch für meine Glaubensgeschwister.
Kurz nach der Amtseinführung haben Sie drei Schwerpunkte ausgegeben für Ihre Amtszeit. Erinnern Sie sich noch daran?
Ja klar, sehr gut! Einmal war das, alles daranzusetzen, ausgeglichene Haushalte zu präsentieren. Dann den Gemeinden mehr Eigenverantwortung zu übertragen, dass man in der Gemeinde Dinge entscheiden kann, die nicht zentralistisch vom Bezirksapostel oder von der Verwaltung entschieden werden müssen. Und was den Umgang mit den christlichen Kirchen hier in unserem Land angeht, mehr auf die Gemeinsamkeiten zu achten, mehr zusammen zu machen als die Unterschiede zu sehen. Die drei Punkte waren das.
Haben Sie das Gefühl, die Ziele erreicht zu haben? Oder: Wie zufrieden sind Sie mit der Zielerreichung?
Wir sind auf dem Weg.
Also könnten wir weiter sein?
Damit brauchen wir uns nicht zu beschäftigen. Es gilt nach vorne zu schauen.
In den letzten Jahren waren auch Finanzen ein Grund für Gemeindezusammenlegungen, weil klar ist, dass wir die Anzahl der Kirchengebäude, die es gab, in dem baulichen Zustand nicht dauerhaft erhalten können. Die Landesversammlung hat gleichzeitig angemerkt, dass das positive Jahresergebnis der letzten Jahre nur deshalb möglich war, weil „Tafelsilber“ verkauft wurde, also nicht mehr genutzte Grundstücke und Gebäude. Apostel Pöschel, wie wird das hier weitergehen, vor allem vor dem Hintergrund, dass auch immer wieder Neubauten anstehen, wie jetzt abgeschlossen in Essen oder auch Bonn, Aachen und Düsseldorf? Können wir uns das künftig noch erlauben?
Wir haben im Landesvorstand, also auf der administrativen Seite der Gebietskirche, die Entscheidungen für die einzelnen Projekte abgewogen und vor dem Hintergrund der Vermögenslage beschlossen. Daran gibt es nichts zu deuteln. Was die Zukunft betrifft: Wenn wir weniger Einnahmen haben, das weiß jedes Kind, können wir weniger ausgeben.
Es wird stärker darauf ankommen, dass wir uns mit dem, was wir haben, in Zukunft mehr begnügen; denn das ist auch eine Erfahrung, die wir aus anderen Erdteilen mitnehmen können: Die Glaubensfreudigkeit und der Gemeinschaftssinn hängen nicht davon ab, ob auf der Herrentoilette bahama-beige Fliesen oder edelstes Weiß hängt. Deswegen müssen wir uns da wahrscheinlich neu finden, und wir müssen auch neue Wege gehen. Ich denke dabei: Damit wir möglichst lange an einzelnen Standorten Gottesdienste feiern können, müssen wir darüber nachdenken, ob das immer in der eigenen Kirche ist oder es andere Möglichkeiten und Notwendigkeiten gibt.
Die evangelische Kirche und die katholische Kirche machen es in einzelnen Pilotprojekten so, dass Gottesdiensträume gemeinsam genutzt werden und weitere Elemente wie Jugendseelsorge, Kinderseelsorge gemeinsam wahrgenommen werden. Ist das etwas, was man sich in der Zukunft auch bei uns als Kooperation vorstellen könnte, oder ist das noch weite Zukunft?
Das eine ist vielleicht eine Immobilie, wir sprechen über einen Raum, in dem man zu abwechselnden Zeiten Gottesdienste feiert. So etwas ist heute schon möglich, das gibt es in Europa auch an verschiedenen Stellen schon, und das ist sicherlich eine „einfache“ Übung.
Das Zweite ist: Gemeinschaftspflege mit anderen Christen auf der Grundlage des Evangeliums ist auch keine Frage. Wir wollen auf der anderen Seite unsere Mehrwerte und unser neuapostolisches Profil natürlich mit unseren neuapostolischen Mitchristen fernerhin pflegen. Wir werden da also fein abwägen: Was ist förderlich, und was ist vielleicht weniger förderlich. Grundlegend ist die Nutzung von gemeinsamen Orten oder Räumen gut denkbar, und gemeinsame Aktivitäten mit Mitchristen sind ja heute bereits an der Tagesordnung.
Wir werden sicherlich solche Dinge auch in Zukunft anbieten; ich glaube aber, dass unsere neuapostolischen Schwestern und Brüder auch von ihrer Kirche erwarten können, dass sie eigene Akzente setzt.
Abschließend zu diesem Themenblock: Bezirksapostel Storck, was macht Ihnen persönlich Hoffnung für die Kirche Christi allgemein und für die Neuapostolische Kirche ganz konkret?
Wir haben nach wie vor viele gläubige Schwestern und Brüder, die sich am Evangelium orientieren. Hoffnung macht mir auch, dass es zu allen Zeiten immer wieder mal Schwierigkeiten gegeben hat, die die Kirche gebeutelt haben, die sie unter Druck gesetzt haben, auch aufgrund von Fehlentscheidungen oder Verhalten von Gemeinde- oder Kirchenverantwortlichen. Letztlich wird sich aber die Wahrheit des Evangeliums durchsetzen, da bin ich mir ganz sicher. Das macht mir Hoffnung, das bleibt meine Hoffnung.
Apostel Pöschel, in wenigen Tagen übernehmen Sie die Aufgabe des Kirchenpräsidenten. Haben Sie schon ein Programm? Was werden Ihre Akzente in der Zeit sein? Oder wird das eine Überraschung?
In der Übernahme einer solch wichtigen Aufgabe wäre das am wenigsten Zuträgliche, wenn man mit Überraschungen glänzte. Ich glaube, es ist sehr richtig, dass sich alle Glieder in der Gebietskirche darauf verlassen können, dass es mit einer großen Kontinuität weitergeht, dass wir auf dem Weg bleiben. Der erste Akzent wird der sein, dass wir geistlich – wie sollte es anders sein – dafür sorgen, dass wir die Einheit fördern: in der Gebietskirche und zum Stammapostelamt. Das ist sicherlich ganz, ganz überragend.
Der zweite Akzent ist der Weg, den der Bezirksapostel schon eingeschlagen hat: Wir müssen auch, was die Zukunft der Kirche, was die Ressourcen betrifft, auf finanzielle Ressourcen schauen, werden sicherlich nicht mehr aus dem Vollen schöpfen können. Das Dritte ist: Ich möchte sehr stark auch die Erkenntnisförderung im geistlichen Amt nach vorn stellen, also die theologische Aus- und Fortbildung für Amtsträgerinnen und Amtsträger.
Gibt es Aufgabenfelder, bei denen Sie sagen: Oh, das wird eine harte Nuss!?
Ja. Immer dann, wenn – und das ist bei jedem Menschen so – man seine Komfortzone verlässt, also wenn ein eingeschwungener Zustand verlassen wird, dann wird es unbequem. Das ist aber ja das, was wir von Jesus Christus lernen: Mach es Dir nicht zu leicht, nimm die Herausforderungen in der Nachfolge an. Und wenn es dann mal holpert und stolpert, ist das ein Stück auf dem Weg zum Ziel.
Bezirksapostel, in Ihrer Zeit gab es den Internationalen Jugendtag, es gab die Fusion der Gebietskirchen, und es gab eine Zeit, die Kirche und Gesellschaft nachhaltig verändert hat: Corona. Wie haben Sie die Zeit erlebt?
Das waren mit die anstrengendsten Jahre, die ich als Bezirksapostel erlebt habe: zum einen, die Geschwister weiter gottesdienstlich zu versorgen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, sie durch die Zeit hindurchzuführen, das ist uns, glaube ich, recht gut gelungen; aber wir haben dann im Spektrum der Meinungsbildung den gleichen Querschnitt wie in der Gesellschaft, und das war nicht immer ganz einfach, alle zufriedenzustellen.
Inwieweit wirkt die Entwicklung durch die Coronazeit noch nach?
Natürlich am Gottesdienstbesuch, das ist einfach so. Wir liegen bei siebzig Prozent im Vergleich zu 2019, wobei man natürlich auch den jährlichen Rückgang, den man statistisch hat, noch berücksichtigen müsste. Faktisch sind es aber siebzig zu hundert Prozent 2019.
Corona hat möglich gemacht, dass seitdem jeden Sonntag und jeden Mittwoch ein öffentlicher Gottesdienst bei YouTube übertragen wird. Apostel, wie bewerten Sie dieses Angebot?
Für mich ist es positiv. Wir haben als Gebietskirche Westdeutschland nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir dahinterstehen, weil wir damit Geschwister erreichen, die – aus welchem Grund auch immer, und der uns gar nicht ansteht, ihn zu beurteilen – nicht die Gottesdienste besuchen können oder besuchen möchten. Wenn wir ein solches Angebot schaffen, dürfen wir uns darüber freuen, wenn das Wort Gottes auch in die Wohnzimmer gelangt. Also: durchaus positiv – wobei der Appell erlaubt sein darf, dass wir in die Präsenzgottesdienste einladen; denn dort feiern wir das Heilige Abendmahl, wir sind an den Tisch des Herrn geladen – und das geht nur personal.
Bezirksapostel, gibt es etwas, was wir durch die Coronazeit vielleicht auch wieder schätzen gelernt haben?
Ja: wie wichtig Gemeinschaft ist – nicht nur im kirchlichen Kontext. Wenn ich an unser erstes Weihnachten denke, als die Kinder und Enkelkinder im Schichtbetrieb zu uns nach Hause kommen mussten … Wir durften über Wochen gar nicht mit mehreren Personen zusammen sein. Auf die Gemeinschaft – familiär, unter Freunden, unter Nachbarn, unter Menschen überhaupt und in der Kirche – kann man eigentlich nicht verzichten. Das habe ich in dieser Zeit gelernt.
Fortsetzung folgt ...
13. Juni 2024
Text:
Frank Schuldt
Fotos:
Fabian Reichart
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